INFORMER | spot 02 | GLEIS24

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Essen, die Wirtschaftsmetropole mitten im Ruhrgebiet, zeigt sich selbstbewusst, insbesondere durch seine zahlreichen Hochhäuser im Zentrum. 16 Hochhäuser mit einer strukturellen Höhe von 50 Metern und mehr bilden die Skyline der Stadt. Sowohl vom Hauptbahnhof, dem Tor zur Stadt, als auch von den ‚einfliegenden’ Helbingbrücken der A40 steht die Essener Skyline für die Essener Wirtschaft, den fortlaufenden Strukturwandel in der Stadt. Mit 127 Metern Höhe beherbergt Essen mit dem runden RWE-Turm am Opernplatz das höchste Bürogebäude im Ruhrgebiet. Das Essener Rathaus ist mit seinen 22 Etagen zudem eines der höchsten in ganz Deutschland. Doch die Skyline der Stadt soll sich nachhaltig verändern. Die beiden Planer Ercan Agirbas und Frank Eittorf zeigen wenig Verständnis für dieses Vorhaben.

Laut Stadtplanung und Investoren soll das Ypsilon-förmige, 19-stöckige Hochhaus an der Huyssenallee 2020 abgerissen werden. Es gehört zum Gebäudekomplex, den der Energieversorger RWE zwischen 1961 und 1980 errichtet hat. „Die bestehenden Hochhäuser sollen schwerfälligen Megablöcken für die RWE-Tochter Innogy weichen. Das Ganze wird dann grün und luftig ‚Campus’ benannt. „Doch der Vergleich, etwa zum neuen Thyssen-Krupp-Campus, hinkt“, bemerkt Eittorf. Der Unterschied: Das Bild des Campus, sein Konzept und Kontext passen zum etwas außerhalb liegenden Westviertel, jedoch nicht in die Innenstadt. Agirbas:„Grundstücksgröße und Gebäudetypologien gehen einher mit der Nutzung und einem Erscheinungsbild eines global agierenden Konzerns, der angedachte Innogy-Campus hingegen passt jedoch weder städtebaulich in Maßstab und Struktur, noch architektonisch in Prägnanz und Qualität. Ein weiteres Mal stellt Essen hier seine Drittklassigkeit mit unterdurschnittlichem Architekturanspruch unter Beweis. “

Das wirtschaftlich zu erreichende Bauvolumen in eine mehr oder weniger klassische Blockstruktur zu pressen bis es ‚passe’, sei keine Option. „Ein differenzierter Umgang mit Volumen und Höhe ist hier die richtige Lösung, denn insbesondere zur Freiheit gilt es wieder eine Zeichenhaftigkeit, einen Hochpunkt zu setzen“, verdeutlicht Eittorf. Abgesehen davon seien Hochhäuser – in Vergleich zu einem Campus – nicht im Widerspruch mit den Schlagworten wie Innovation, Kreativität, Flexibilität und Kommunikation zu sehen. Eittorf: „Im Gegenteil. Insbesondere im Ausland ist die Architektur diesbezüglich sehr viel weiter. Gründächer als oberflächlicher Ausdruck von innovativer Architektur sind anderorts schon lange zu wenig.“ Gerade die Bahnhofsnähe eigne sich gut, um als „Nabel der Welt“ zu fungieren. „Bahnhof ist Ankommen, Bahnhof ist Abreisen, Bahnhof ist mittendrin. Das möchten wir in die Zukunft weitertragen“, sind sich beide Planer einig.

Das GLEIS 24
Eigentlich wollten sich Ercan Agirbas und Frank Eittorf in ‚Spot 02’ der Serie ausschließlich mit dem Essener Hauptbahnhof beschäftigen, genauer mit dem Gleis 24. Doch die Planungen für das Areal des heutigen RWE-Hochhauses bestimmten das Gespräch. Das Gleis 24 nehmen sie dennoch in den Blick, mit einem Appell, dessen Inhalt gleichsam in Richtung der Campus-Planer bei RWE und Innogy zu verstehen ist: „Liebe Wirtschaft, WIR sind Essener, das ist unsere Stadt. Es wird Zeit, an vergangene Zeiten anzuknüpfen, auch städtebaulich. Unser subtiles Empfinden zeigt eine gewisse Gleichgültigkeit dem eigenen Standort gegenüber, teilweise zu Recht. Stichwort Hauptbahnhof, insbesondere der ‚neu-modische’ Umgang mit dem neuen Vordach auf der Südseite des Hauptbahnhofs, die neue ‚Unterwelt’ der Ruhrbahn, früher EVAG.“ Genau hier wollen Agirbas und Eittorf ansetzen, das inaktive Gleis 24 auf der Nordseite des Hauptbahnhofs als „Brain- und Kreativzentrum für die Essener Wirtschaft“ umdenken.

Die Planer fragen: „Was wäre wenn?!“ Sie haben die Idee, die zentralen und derzeit inaktiven Gleise 23 und 24 am Hauptbahnhof durch ein wirtschaftseigenes Kreativ- und Kompetenzzentrum zu reanimieren. Dazu analysieren sie die Umgebung: Essen liegt geographisch in der Mitte der Wirtschaftsmetropole Ruhr, der Hauptbahnhof ist zentral gelegen und in direkter Nachbarschaft zu vielen der Essener Wirtschaftsgrößen. Die Erreichbarkeit könnte nicht besser sein. Neben dem Haus der Technik direkt gegenüber ist sowohl der Willy-Brandt-Platz als auch die Kettwiger Straße als Einkaufsstraße, in Sichtweite. „Das eigentliche Potenzial des Bahnhofsumfelds, des Hauptbahnhofs, der oben erwähnten Bahnsteige sowie der darunterliegenden Bahnhofsbögen ist noch nicht erkannt – anders beim ehemaligen DB Hochhaus: Hier soll 2019 ein neuer Hotelstandard hinzukommen. Beim neuen Hotel ‚Premier Inn’ bestünde sogar die Möglichkeit des direkten Zugangs zum neuen GLEIS24, dem neuen Wirtschaftsbahnhof der Metropole Ruhr. Bereits jetzt flankieren der Handelshof sowie das Ibis Hotel die derzeit brachliegenden Bahnsteige“, so Eittorf.

„Ob Deutsche Bahn, E.ON, RWE, STEAG, ThyssenKrupp, Aldi Nord, Hochtief, Schenker, Evonik, Ferrostaal, Deichmann, Karstadt, Allbau, … wir denken an eine neue Arbeitswelt der Kommunikation, in der sich die Unternehmen der Metropole Ruhr einkaufen oder einmieten könnten“, unterstreicht Agirbas. Ein Luft- oder Ortswechsel für Angestellte, ob für Stunden oder Tage, helfe den Arbeitsalltag auszublenden, befreit den Kopf. Das neue und animierende Arbeitsumfeld helfe zum einen, sich und andere zu reflektieren und zum anderen sich im Kreativmodus neuen Herausforderungen zu stellen.

„Hier spielt der Eisenbahnwaggon, als bekanntes und vertrautes Element, eine zentrale Rolle. Neben dem in die Jahre gekommenen Postwaggon als Arbeitsplatz interpretieren wir die klassischen Reise- Speise- und Schlafwagen neu. Wir wollen neue und überraschende Arbeitswelten schaffen, vielseitig und flexibel nutzbar. Dabei soll es Themenwaggons geben, die sich in ihrer Art und Kommunikationsform unterscheiden, sich sowohl durch mediale als auch analoge Systeme auszeichnen – Siri und das klassische Flipchart ergänzen sich“, machen die beiden Planer deutlich. Ihre Ideen reichen von lauten und kommunikationsfördernden Workshop-Flächen bis hin zu leisen und abgelegenen Rückzugsorten der Konzentration. Für jeden Charakter, für jede Aufgabe, für jede Jahreszeit sei der passende Think-Tank dabei. Ob in einem der neugestalteten Konzeptwaggons oder mit Aus- und Weitblick auf die Essener Wirtschaft, wettergeschützt unter dem nostalgisch anmutenden Dach auf dem Bahnsteig. Eittorf: „Natürlich darf auch die passende Pause nicht fehlen. Ob aktiv mit dem Team am Basketballkorb – oder entspannt, in Gedanken versunken, an der Bar bei einem Kännchen Kaffee. Zum Feierabend ein frisch gezapftes Stauder, die Kollegen kommen dazu. Beim Fußball-Kicker steht es 3:2, beim Rundlauf stehen Ralf und Christian im Finale, großes Tischtennis.“

„WAS WÄRE WENN?!“ – Die Deutsche Bahn ist mobil. E.ON, RWE, STEAG, ThyssenKrupp, Aldi Nord, Hochtief, Schenker, Evonik, Ferrostaal, Deichmann, Karstadt, Allbau, … Essen auch – etwa mit der wirtschaftseigenen Bahn nach München zum Oktoberfest. Agirbas: „Die Reisezeit wird für Kreativworkshops genutzt, am Nachmittag ein Treffen bei Siemens vor Ort. Standortübergreifend wird der erfolgreiche Arbeitstag, im Bierzelt, bei ein, zwei Maß Bier, angemessen begossen. Am nächsten Tag geht es weiter – oder zurück. Und beim nächsten Mal woanders hin. Ob als Workshop, Abteilungs- Betriebs- oder Firmenausflug, auch ein Dialog zwischen Stadt und Essener Wirtschaft, der Wirtschaft Metropole Ruhr, ist denkbar. Start- und ‚Heimatbahnhof ’ ist das neutrale GLEIS24, am Wirtschaftsbahnhof Ruhr. “

Die Deutsche Bahn als möglicher Verwalter von Bahnsteig- und Bahnwaggons könne sich stellvertretend für die gesamte Wirtschaft um den ersten und einzigen Wirtschaftsbahnhof Deutschlands kümmern. Der wirtschaftseigene Zug sowie die beiden reanimierten Bahnsteige 23 und 24 würden von der heimischen Wirtschaft finanziert, die Kosten seien jedoch überschaubar. „Wir nennen das Strukturwandel zum Einsteigen. Die Metropole Ruhr würde in diesem Fall wirklich mal vorwegfahren“, sagen die beiden Planer Ercan Agirbas und Frank Eittorf.

Ein Gedankenspiel: „WAS WÄRE WENN?!“ pHes

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