INFORMER | spot 04 | BURGmitte GRILLO

INFORMER | spot 04 | BURGmitte GRILLO

DER ESSENER & SEIN KIEZ: LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK
WAS WÄRE WENN?! DIE BEIDEN PLANER FRANK EITTORF UND ERCAN AGIRBAS BESCHÄFTIGEN SICH IN DIESEM TEIL DER SERIE MIT DEM MARKANTEN GEBÄUDE, IN DEM VIELE JAHRE DER HERRENAUSSTATTER POHLAND ZUHAUSE WAR.

Während im Jahr 1900 noch rund 13.000 Menschen im Stadtkern lebten, beherbergt er heute nur noch gut 4.000 Bewohner; ein Thema, das der INFORMER bereits in seiner Novemberausgabe angesprochen hat. „Wir sollten an alte Zahlen und Zeiten anknüpfen. Es ist die Wohnnutzung, die den entscheidenden Unterschied macht. Sie bringt das Leben in die Straßen, auf die Plätze“, heißt es damals seitens der beiden Planer Frank Eittorf und Ercan Agirbas. Sie bedienen sich des Bildes der Rüttenscheider Straße: Unten ist das Geschäft, die Bar oder das Restaurant, darüber wird gewohnt. Auf der Kettwiger Straße würde sich lediglich der Maßstab ändern. Neben der Nahversorgung wären hier die Feierabendstunden in und mit der Nachbarschaft gesichert. Außerdem: „Die Einkaufsstadt war einmal. Heute wird online bestellt und gekauft. Die Kaufhäuser von morgen sind Amazon & Co. Hinzu kommt das leidige Thema der Shopping-Malls; spätestens seit der neuen Mall am Limbecker Platz hat sich die Kettwiger Straße als Einkaufsstraße des Reviers zum unteren Einkaufsstandard entwickelt, beliebig und austauschbar“, beklagt Frank Eittorf.

Wieder fragen Frank Eittorf und Ercan Agirbas: „Was wäre, wenn wir anfangen würden, die Stadt von oben beziehungsweise nach oben zu besiedeln?! Im Kleinen, wie im Großen?!“ Leer stehende Flächen könnten ‚wiederbewohnt’ werden. Vielerorts könnte sogar ganz neuer Wohnraum geschaffen werden, individuell, vielseitig, lebendig.“ Das Leben würde in den Stadtkern zurückkehren, sind sie sich sicher. Denn, zeitgemäßes Wohnen heiße zunächst zentrales Wohnen. Die Vorzüge des öffentlichen Nahverkehrs sowie vielseitige Konzepte von Carsharing würden die Bewohner im Stadtkern zu schätzen und zu nutzen wissen.

BURGmitte GRILLO
Der Stadtkern wurde im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört. Der Wiederaufbau war die dringlichste Aufgabe der Stadtpolitik. Da die Schwerpunkte des Woh- nungsbaus außerhalb des Stadtkerns lagen, fehlte von Anfang an die Wohnnutzung als wichtigster Bestandteil einer ausgeglichenen Nutzungsmischung, die Basis einer lebendigen Stadt. Der Stadtkern sollte sich im Sinne des Strukturwandels als Verwaltungs- und Einkaufsstandort etablieren. Durch die Zusammenlegung mehrerer Grundstücke konnten Großprojekte schnell und wirtschaftlich realisiert werden. Heute ist der Städtebau im Stadtkern sehr heterogen, in Höhe, Kubatur und Qualität; doch eine Gemeinsamkeit hat die Architektur der 1950er, 60er, 70er, 80er und 90er Jahre: sie hat ein flaches Dach. „Was wäre, wenn wir die flachen Dächer als ‚Bauland’ verstehen würden? Als Chance, die fehlende Wohnnutzung zurück in den Stadtkern zu bringen? Natürlich – statisch und konstruktiv nicht unproblematisch. Aber – sollten wir nicht alles tun, um unsere Innenstädte wieder mit Menschen, mit Leben zu füllen? Insbesondere jetzt – Essen hat Zuwanderung, die Stadt wächst wieder“, fragt Frank Eittorf.

Die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte ignoriere die Grundzüge einer jeden europäischen Stadt, dass eine gesunde Stadt von innen nach außen wächst und lebt, innen lebendig, außen ruhiger ist. Da sind sich Frank Eittorf und Ercan Agirbas einig. „Wir wollen das innere Wachstum fördern. Dabei ist Abriss und neu bauen, im ursprünglichen Sinne der Nachhaltigkeit, keine Option“, so Agirbas. Eine Möglichkeit der Nachverdichtung sei die Aufstockung. Exemplarisch haben sich die beiden Planer dazu den Kreuzungspunkt Kettwiger Straße / Dellbrügge ausgesucht. Die zentrale Lage, die stadträumliche Prägnanz, die Erreichbarkeit – auch mit dem Auto, die Nähe zu einem Parkhaus, die Nahversorgung, nicht zuletzt die exklusive Nachbarschaft zur Lichtburg, zum Grillo-Theater, machten ihn zu einem Ort mit außerordentlichem Potenzial.
„Hinzu kommt, ein Kernmieter, Poland, der Herrenausstatter meines Vertrauens. Er musste seine Räumlichkeiten auf der Kettwiger Straße 32-34 aufgeben. Leerstand – leider keine Ausnahme auf der einst beliebtesten Einkaufsstraße des Ruhrgebiets“, stellt Eittorf fest. Für die Nachnutzung der Geschäftsräume sind wegen der hohen Pacht nicht viele Nutzungen denkbar. Das Problem: Die gängigen Geschäftsketten haben sich bereits in der neuen Shopping-Mall am Limbecker Platz eingemietet, fallen als potenzielle Interessenten weg. Die gebliebenen kleinen Geschäfte haben es schwer, durch die nun fehlende Laufkundschaft ihre Pacht zu erwirtschaften. Die Folge sind wechselnde Pächter und wachsender Leerstand. „Ein Zustand, der stadtplanerisch keine Überraschung ist; denn der bestehende Bedarf an Verkaufsflächen war bereits ohne die neue Mall erreicht, die Flächen wurden lediglich auf Kosten der Kettwiger Straße sowie der Rathaus Galerie verschoben“, sagt Agirbas. Anstelle einer neuen Mall hätte man die Innenstadt als Einkaufserlebnis entwickeln, die Stadträume spielerisch und sportlich reanimieren können. „Die Chance, den Haupt-campus der Uni mit der Limbecker Straße zu verknüpfen, wurde nicht genutzt. Das Potenzial der Studenten, mehr Leben in den Stadtkern zu bringen, wurde nicht erkannt. Im Gegenteil: Die Mall versperrt den ‚Studis’ den Weg in die Innenstadt. Denn, ergänzende Nutzungen und Nutzer bereichern schon durch ihre Anwesenheit. Der Student von heute ist der Essener von morgen.“

ZUHAUSE IN DER INNENSTADT
Blicken wir einige Jahre in die Zukunft: Wir befinden uns im Jahre 2030; der Essener kauft nicht mehr online, er wohnt in der Innenstadt, überquert die Straße zu seinem Herrenausstatter des Vertrauens. Auf dem Rückweg feiert er seinen erfolgreichen Einkauf mit einem Glas Stauder in der Bar nebenan. Die Feste kommen wie sie fallen. Als Single gekommen, mit Herzklopfen gegangen. Der neue Essener, er liebt seinen Kiez. Denn er ist hier zuhause, in der Essener City.

Zurück in die Gegenwart, zur Kettwiger Straße 32-34. „Die Bürogeschosse sind vermietet, im Sinne der komplexen Stadt ist die Nutzungsmischung von Wohnen und Arbeiten sinnvoll. Die Büronutzung passt demnach in diese Logik, vor allem wenn wir auf dem Dach mit Wohnen nachverdichten. Doch welche Nachnutzung ist für das Ladenlokal denkbar? Ein Architekturbüro auf zwei Etagen?“, fragt Agirbas und schiebt zusammen mit seinem Kollegen Eittorf direkt eine passende Antwort nach: „Ein alternatives Wohnszenario.“
Getrennte Heimwege nach dem Großeinkauf: Sie ist wieder schneller, fährt mit dem E-Bike bis ins Wohnzimmer durch. Er fährt hinterher, stellt sein E-Car in der Küche ab, lädt die Einkäufe aus und parkt an der nächsten Steckdose, wie immer. Parkplatzprobleme kennt das Paar nicht. Eher das Problem – er kocht, wie immer. „Wir glauben an die Anpassungsfähigkeit eigener Gewohnheiten, so auch die Anpassungsfähigkeit des Bestands. Bestehende Räume bedürfen eines individuellen Umgangs; diese Individualität gilt es als Raumqualität neu zu interpretieren. Auch im Umgang mit dem Bestand ist vieles denkbar, insbesondere wenn der Faktor Zeit hinzukommt“, so Eittorf. WAS WÄRE WENN?! Zurück zum Dach. „Mit der ‚BURGmitte GRILLO‘ wollen wir die Idee der kleinen Nachbarschaftsinseln verdeutlichen. Die Hektik der Innenstadt bleibt unten. Oben auf dem Dach genießen wir Sonne, Ruhe und Weitblick. Kleine Miniquartiere, über der Innenstadt verteilt, schaffen neue Nachbarschaften in privater Höhe, helfen aber auch dem öffentlichen Stadtraum, mit ihrer Kaufkraft den Geschäften der Nachbarschaft, unten. Wir wollen benachbarte Dächer im gegenseitigen Kontext denken. Was anderorts auf vielen Dächern der Welt als Urban Gardening angefangen hat, wollen wir mit einer ergänzenden Wohnnutzung kombinieren“, sagt Eittorf.
In einem angepassten Masterplan, ist sich Agirbas sicher, würden die klassischen Elemente des Städtebaus wie Kubatur, Nutzung, Freiraum, Höhen, Abstandsflächen sowie angepasste Stellplatznachweise festgesetzt: „Wir sind uns dessen bewusst, dass der Bestand statisch nachgerüstet werden müsste, wir sind uns dessen bewusst, dass bauen auf der grünen Wiese einfacher und kostengünstiger ist. Wir wissen aber auch – im Sinne der Nachhaltigkeit – wieder im ursprünglichen Sinne, gilt es die Städte zu verdichten, nicht zusätzlich auszuweiten, insbesondere keine neuen Baufelder auf der grünen Wiese zu erschließen. Außerdem: im Sinne unserer Innenstadt gilt es Lösungen zu finden, die qualitativ hochwertigen Wohnraum ermöglichen.“
Abgesehen von der Zentralität, empfinden die beiden Planer Sonne, Ruhe und Weitblick als solche Qualitäten. Dabei unterscheiden sie zwischen halböffentlichen Gemeinschaftsbereichen wie Gärten und Terrassen sowie privaten Wohneinheiten. Die fünfte Fassade, das Dach, würde den Bestandsgebäuden folgend, neu genutzt. Eittorf: „Die in Essen bereits erkannte Qualität ‚von Oben ist alles schön’ würde neu interpretiert. In Maßen, um Ausblick und Weitsicht zu erhalten nicht flächendeckend, lediglich in festgelegten Bereichen. Brücken verbinden die sich ergänzenden Nutzungen, verbinden die neuen Nachbarn eines sonnigen Lebensgefühls. Oben ist alles schön, Essen 2030 – die Stadt hat ihr Lebensgefühl, ihr Herz zurück.“

Und so fragen Frank Eittorf und Ercan Agirbas abermals: WAS WÄRE WENN?! pHes

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